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RUB » Bibliotheksportal » Profil » Ausstellungen » Leporello's Erben - Faltbücher in Literatur und bildender Kunst
© Michael Cleff

Zur Ausstellung

Die Universitätsbibliothek lud herzlich ein zur Eröffnung der Ausstellung "Leporello's Erben - Faltbücher in Literatur und bildender Kunst" am Freitag, dem 15. Januar um 13 Uhr im Erdgeschoß der Universitätsbibliothek Bochum. Die Ausstellung war zu sehen bis zum 20.2.2016.

Gezeigt wurden künstlerische und literarische Leporellos. Der Schwerpunkt lag auf Faltbüchern, die seit den 1960er Jahren international publiziert wurden. Zur Einführung sprach der Kurator der Ausstellung, Dr. Christoph Benjamin Schulz, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, RUB.

Im Anschluss an die Eröffnung begann um 13.30 Uhr die gleichnamige Tagung in Raum 9 auf Etage 1 der UB. WissenschaftlerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet besprechen über die ausgestellten Werke hinaus weitere Faltbücher unterschiedlichster Herkunft und Art. Hier zum Tagungs-Programm.
 

Leporellos, Akkordeon- und Faltbücher

Die Digitalisierung der Buchkultur, des Buchmarkts und des Literaturbetriebs hat nicht nur Fragen und Probleme hinsichtlich der Entmaterialisierung von Wissenskulturen und der Literatur aufgeworfen sondern – zur Freude vieler Buchliebhaber – auch ein neues Bewusstsein für hinsichtlich ihrer Gestaltung ungewöhnliche und aufwändig gemachte Bücher entstehen lassen.

Ein in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswertes Buchphänomen ist das Leporello. Hinsichtlich seiner materiellen Anlage markiert es eine hybride Form zwischen der Buchrolle und dem Kodex, dem Buch mit Seiten, das das Volumen im okzidentalen Kulturraum in der Spätantike abzulösen begann. Ein Leporello lässt sich sowohl entfalten als auch sequentiell betrachten – was gerade hinsichtlich der künstlerischen oder literarischen Möglichkeiten, Inhalte darzulegen und zu kommunizieren, eine spezifische Disposition darstellt.

© RUB, Marquard

Die deutschsprachige Bezeichnung „Leporello“, von dem gleichnamigen Protagonisten aus Mozarts Oper „Don Giovanni“ (1787) inspiriert, ist vergleichsweise jung. Als historische Buchform speist sich das Leporello hingegen aus historisch weit zurückreichenden und heterogenen Traditionslinien, die auch in anderen Kulturen zu finden sind: Mit der Eroberung Südamerikas wurden in Europa die antiken Kodices der frühen südamerikanischen Hochkulturen bekannt, von denen viele gefaltete Leporellos avant la lettre waren; wie auch im asiatischen Kulturraum Faltbilder und Faltbücher eine lange Tradition aufweisen, die sich bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert zurückverfolgen lassen.

In Europa und Nordamerika erlebte das Leporello als Buchform eine erste Renaissance in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist im Kontext so genannter movable books zu betrachten, zu denen die große Vielfalt von Büchern mit beweglichen Teilen gehören, unter anderem Aufstell- und Pop-Up Bücher. Die Möglichkeit, das Buch interaktiv und auf unkonventionelle Weise betrachten und es sich auf verschiedene Weisen aneignen zu können, legt einen Bezug zu so genannten philosophical toys nahe, wie man sie aus der Vorgeschichte des Films kennt: Das ästhetische Gefallen war eng verknüpft mit dem aus der haptischen Erfahrung resultierenden Erkenntnisgewinn. Eine zweite Renaissance erlebten Leporellos im 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund des Künstlerbuches als Werkform der bildenden Kunst.

Die Auswahl der in der Ausstellung gezeigten künstlerischen und literarischen Leporellos, die seit den 1960er Jahren international publiziert wurden, spiegelt die enorme Bandbreite unterschiedlicher Inhalte, Bezugnahmen und Referenzen wider. Sie vereint Arbeiten von Künstlern unterschiedlicher Traditionen und Kulturräume: von Südamerika, über die USA, Europa und Russland bis nach Asien. Manche beziehen sich explizit auf die alten Kodizes Südamerikas oder traditionelle asiatische Vorlagen – inwiefern sie sich reflexiv mit dem Leporello als historischer Buchform beschäftigen. Manche zitieren panoramatische Darstellungen, während andere eher auf Effekte der Sequentialisierung zeitlicher Verläufe setzen.

Das gezeigte Konvolut ist an zahlreiche Diskurse anschlussfähig, die das aktuelle akademische geisteswissenschaftliche Geschehen prägen: an solche über intermediale narrative Strategien und Werkformen, die Semantiken der Materialität von Büchern und literarischen Texte sowie an Reflexionen über das Verhältnis von Text und Bild in Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Kunstgeschichte.
 

Presse zur Ausstellung


 

Informationen über Leporellos im WWW

HISTORISCHE LEPORELLOS


 

REZENSIONEN ZU AKTUELLEN LEPORELLOS

Javier Martinez Pedro: Migrant
Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 16.10.2015
Beitrag im Deutschlandradio vom 16.9.2015

Anne Michaels und Bernice Eisenstein: Correspondences
Rezension in der National Post vom 22.11.2013

Laetitia Devernay: Applaus
Rezension in der FAZ vom 27.1.2012
Eva Hepper spricht über "Applaus" im Deutschlandradio vom 9.8.2011

Warja Lavater
C. Meunier: „Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes…“ , 2013

Warja Lavater: Wilhelm Tell
Rezension in der ZEIT vom 10.4.1992

François Olislaeger: Marcel Duchamp - un petit jeu entre moi et je
Rezension in El Pais vom 28.9.2015


 

AUSSTELLUNGEN ZU LEPORELLOS

Art of the Fold: Accordion Publications
Lawton Gallery, University of Wisconsin, Green Bay, 8.10. bis 29.10.2009

„Künstler-Leporellos (2005-2010)“
Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln, 21.01.2012 bis 12.03.2012

„Open Books. 16 Artists and the Chinese Folding Book“
BayArt Gallery, Cardiff Bay, GB, 13.04. bis 10.5.2013

„ZigZag - An Exhibition of 60 Artists' Statements on Harmonika Books“
Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart, 13.6.-26.6.2013

„Leporello: Das künstlerische Faltbuch“
Stadtbibliothek Reutlingen, 26.01. bis 09.04.2016

„Leporello!“
Galerie DRUCK & BUCH, Wien, 10. Oktober – 4. November 2016
Liste der Exponate

„Die Dresdner Maya-Handschrift: Prophetie und Ritual aus Yukatan“
Virtuelle Ausstellung der Deutschen Digitalen Bibliothek


 

WEBSITES UND BLOGS

Accordion Publications - Blog von Stephen Perkins mit Fokus auf Leporellos und accordion-books

Leporellos früher südamerikanischer Hochkulturen - Webseite der Universitätsbibliothek der University of Arizona


 

Leporellos in Bibliotheken

Eine Schwierigkeit wissenschaftlichen Arbeitens über Leporellos besteht darin, dass das spezifische Format in vielen Institutionen nicht verschlagwortet ist und sich daher kaum aus den Beständen einer Bibliothek herausfiltern läßt. Zu den erwähnenswerten Ausnahmen gehören die Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln und das Studienzentrum für Künstlerpublikationen am Museum Weserburg in Bremen. Hier können die Bestände mit einer Stichwortsuche nach dem Begriff „Leporello“ gezielt durchsucht werden. Beide Institutionen verfügen über umfangreiche Sammlungen.

Die Noel Memorial Library verfügt über eine beachtliche Sammlung mit Leporellos des 19. Jahrhunderts, die unter dem Stichwort „folded panorama“ abgerufen werden kann.

Unter den Schlagworten "Accordion" und "Carousel" sind die Rara-Bestände der Phoenix Public Library recherchierbar.


 

Die Leporellos in der Universitätsbibliothek

© Michael Cleff

Die Links führen zum Teil zu Abbildungen der Werke, zu Essays und auch zu Videos, die interessante Informationen bis hin zur Herstellung der Druckvorlagen bieten.

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